65 Jahre nach den Bombern…

Hier ein Artikel von Indymedia linksunten. Er stellt nicht unbedingt die Meinung unseres gesamten Bündnisses dar, ist aber auf jeden Fall interessant zu lesen:

…über Dresden und Pforzheim

Im Februar finden in Pforzheim und im davon über 500 Kilometer entfernten Dresden Naziaufmärsche statt. Dabei besteht nicht nur eine zeitliche Nähe zwischen den jährlichen Aufmärschen am 13.02. in Dresden und zehn Tage später am 23.02. in Pforzheim. Beide finden am Jahrestag der Bombardierung der jeweiligen Stadt durch die Alliierten im Jahr 1945 statt. An diesen Tagen werden die Deutschen als die eigentlichen Leidtragenden des Zweiten Weltkrieges dargestellt, Shoah und deutsche Kriegsschuld ausgeblendet. Aus der Befreiung vom Nationalsozialismus werden „Kriegsverbrechen“, die deutschen Täter_Innen werden „Opfer“ von „alliiertem Bombenterror“. Gedacht wird den toten Deutschen in den zerstörten deutschen Städten.

Und bei diesem Gedenken sind die Nazis nicht alleine: Auch „ganz normale“ Deutsche halten dieser Tage in Dresden und in Pforzheim Gedenkveranstaltungen ab. Sowohl die Veranstaltungen der Nazis als auch die von offizieller, städtischer Seite sind exemplarisch für eine bestimmte Art und Weise, wie mit der deutschen Vergangenheit umgegangen wird. Dieser Text will sich aber nicht nur mit Nazis und städtischem Gedenken auseinandersetzen, sondern thematisiert auch die Reaktionen von linken und antifaschistischen Gruppen auf das Geschehen.

Pforzheim – clouded minds not clouded skies

Seit 1994 gedenkt der „Freundeskreis ein Herz für Deutschland“ (FHD) den „deutschen Opfern“ der Bombardierung Pforzheims am 23. Februar 1945 mit einer Fackelmahnwache auf dem Wartberg. Dort finden sich jährlich bis zu 200 Nazis aller Couleur ein. Lange Zeit fand dies aufgrund der Lage des Wartberges am Rande der Stadt angeblich ohne Wissen der Öffentlichkeit statt. Als Antifaschist_innen 2002 schließlich damit begannen, gegen die Naziveranstaltung aktiv zu werden und diese zu thematisieren, interessierte das die Öffentlichkeit zwar auch nicht viel mehr, den Antifaschist_innen gelang es jedoch die Veranstaltung durch Blockaden zu verhindern.1 Zwei Jahre später verzichtete der FHD freiwillig aufgrund von Auflagen der Stadt auf die Mahnwache.2 Seither findet sie regelmäßig statt, die Gegenaktivitäten der letzten Jahre scheiterten, sofern vorhanden, unter anderem an einem massiven Polizeiaufgebot.3

Für antifaschistisches Engagement ist Pforzheim generell kein einfaches Pflaster. Zum einen gibt es in der Stadt selbst, wie auch im Umland eine große organisierte Naziszene. Neben dem „Freundeskreis ein Herz für Deutschland“ und NPD/JN besteht sie aus den rechtsoffenen Hooligans von „Boys United“, dem „Stallhaus Germania“ in Mühlacker und dem „Heidnischen Sturm Pforzheim“, deren Mitglieder immer wieder durch gewalttätige Übergriffe in Erscheinung treten.4 In einem vom „Heidnischen Sturm“ organisierten Bus fuhren letzten Februar rund 50 Pforzheimer Nazis zum Trauermarsch nach Dresden. Auf der anderen Seite setzen die Stadt Pforzheim und ihre Ordnungsbehörden eine recht rigide Linie gegen Antifaschist_innen durch. Jährlich werden einen Monat vor dem 23.02. alle Konzerte und andere Kulturveranstaltungen verboten, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit antifaschistischen Gegenaktivitäten am 23. Februar in Verbindung stehen könnten. Für Demonstrationen müssen in Pforzheim Verwaltungsgebühren bezahlt werden. Neben den üblichen Schikanen, wie einer unattraktiven Demoroute und überzogenen Auflagen, wurde 2008 eine antifaschistische Kundgebung auf dem Wartberg verboten und den Nazis, deren Veranstaltung später angemeldet wurde, mit der Begründung des Gewohnheitsrechts die Durchführung ihrer Kundgebung genehmigt.

Die vergangenen Proteste thematisierten aber nicht nur die Mahnwache des FHD, sondern auch den geschichtsrevisionistischen Opfermythos, den sich die Stadt Pforzheim zu erhalten versucht.

Blicken wir zunächst ein paar Jahrzehnte zurück: Seit dem 18. Jahrhundert ist Pforzheim wirtschaftlich maßgeblich durch seine Schmuck- und Uhrenindustrie geprägt und schmückt sich daher mit dem Titel „Goldstadt“. Bis hierhin stimmen wir dem Kurzportrait der Stadt auf ihrer Internetpräsenz zu, die dann aber einen Sprung macht und mit der Zerstörung am 23. Februar 1945 wieder einsetzt.5 Zu den unerwähnt gebliebenen Ereignissen gehört, dass am Morgen des 10. November 1938 die Pforzheimer Synagoge entweiht und zerstört wurde; für die Kosten des Abrisses musste die jüdische Gemeinde aufkommen.6 Am 22. Oktober 1940 wurden schließlich die knapp 200 verbliebenen Juden und Jüdinnen deportiert. Von ihnen überlebte fast niemand die Shoah.7 Im selben Jahr wurde die Industrie nach und nach auf einen anderen Industriezweig umgestellt, die Rüstungsindustrie. Diese beschäftigte gegen Ende des Krieges laut nicht ganz gesicherten Zahlen mehr als die Hälfte der knapp 19.000 in Pforzheim arbeitenden Menschen, unter ihnen viele zwangsdeportierte Arbeiter_innen und Kriegsgefangene. Auch KZ-Häftlinge wurden angefordert.8 Produziert wurden Bauteilen für Flakgranaten und Bordfunkgeräte sowie Teile für Hitlers „Vergeltungswaffen“, die V1- und V2-Raketen die bis Ende März 1945 auf London und Südengland niedergingen.9 Im Februar 1945 folgte schließlich die im bisherigen Kriegsverlauf folgenschwerste Bombardierung Pforzheims, bei der rund 17.000 Menschen starben und zwei Drittel der Stadtfläche zerstört wurde.

Dass dem bis 2001 amtierenden Pforzheimer Bürgermeister Joachim Becker nur „Wolken über dem Primärziel Ruhrgebiet“ als Ursache für den Luftangriff auf Pforzheim einfallen, passt zu den Erinnerungsgewohnheiten der Stadt Pforzheim.10 Im Stadtbild finden sich Tafeln, auf denen die zerstörte Stadt nach dem Luftangriff abgebildet ist. Mit der spanischen Stadt Guernica – im Spanischen Bürgerkrieg von der deutschen Luftwaffe bombardiert – pflegt die Stadt Pforzheim eine Städtepartnerschaft. Aussage: Im Grunde sind wir alle nur Opfer. Diesen Eindruck vermittelt auch das bürgerliche Gedenken an die Bombardierung, das seit 1946 kontinuierlich und unter Teilnahme von mehreren hundert Menschen stattfindet.11 Seit 2003 ist der 23. Februar offizieller Gedenktag der Stadt, geboten wird ein tagesfüllendes Programm. Begonnen wird mit kollektivem Trauern auf dem Friedhof, im Anschluss gibt es Gottesdienste und Lesungen. „Den siebzehntausend Opfern des 23. Februar“ steht auf dem Denkmal auf dem Hauptfriedhof und um nichts anderes geht es hier.12 Fakten, wie zum Beispiel das Wahlergebnis von 1933, bei dem 57,5% der Pforzheimer Wahlberechtigten die NSDAP wählten13, zählen hier nicht.14 Stattdessen wird der Weltkrieg weitestgehend als unpolitisches Ereignis dargestellt und die Tränendrüsen sollen mit packenden Geschichten von überlebenden Opfern stimuliert werden. Äußerst gerne wird die Versöhnung mit den von der deutschen Luftwaffe zerstörten Städten Coventry und Guernica betont, ebenso werden die Opfer des Nationalsozialismus mit den Opfern der Bombardierung Pforzheims in einen großen Opfertopf geworfen. Abstrakt verantwortlich gemacht werden zum Beispiel „Gewaltherrschaft“, „das Böse“, „Willkür“ oder „Menschenverachtung“. Wer damit gemeint ist, bleibt meist unklar. So können sich alle selbst aussuchen ob sie das lieber auf die Alliierten beziehen wollen, „die Nazis“, oder ganz besonders einfach, auf den damaligen Zeitgeist. Die Pforzheimer Opfermythen, deren Ursprünge auf die NS-Propaganda zurückgehen, wurden bis heute aufrecht erhalten. In ihrem Kern berufen sich alle auf die vermeintliche „militärische Sinnlosigkeit“ der Bombardierung und als vermeintlich sinnlos bombardierte Stadt steht Pforzheim nicht alleine da.

Dresden – „… and I live by the river“

Vom 13.2. bis 15.2.1945 flogen die Royal Airforce und die US Army Air Forces Luftangriffe auf Dresden. Dieses waren zwar nicht die schwersten Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs, jedoch wird immer die Zerstörung Dresden als Symbol für die Luftangriffe der Alliierten verwendet. Dieser Symbolcharakter verhalf der Stadt auch zu ihrer Bedeutung im offiziellen deutschen Blick auf den Zweiten Weltkrieg und erst recht im Geschichtsbild der Nazis.

Im Februar 2010 jährt sich die Bombardierung Dresdens zum 65. Mal, so wie in den letzten zehn Jahren rufen Alt- und Neonazis wieder europaweit zu einem „Trauermarsch“ durch Dresden auf. Das Gedenken an und die Mythen um die Bombardierung bieten den Nazis Vorlagen für ihr geschichtsrevisionistische Propaganda und die Möglichkeit, öffentlich die Täter_innen zu Opfern zu erklären und mit Wortschöpfungen wie „Bombenholocaust“ die Vernichtung der europäischen Juden zu relativieren. Bereits seit Ende der 90er Jahre beteiligten sich bis zu 200 Nazis an den städtischen Gedenkveranstaltungen. Sie legten ihre Kränze unwidersprochen neben die der Stadt. Ab dem Jahr 2000 veranstaltete die „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“ (JLO, inzwischen „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“), zusammen mit 500 Alt- und Neonazis aus dem Umfeld der NPD, Freien Kameradschaften und Vertriebenenverbände ihren eigenen Gedenkmarsch. Seitdem stieg die Zahl der Teilnehmer_innen und die Bedeutung in der Naziszene stetig. Im Jahr 2004 lag die Teilnehmer_innenzahl schon bei 2100 Personen. Der Sprung zum europaweiten Großevent vollzog sich 2005 zusammen mit dem Wahlerfolg der sächsischen NPD, die mit 9,2 % (12 Sitze) als viertstärkste Kraft in den sächsischen Landtag einzog. Dieser Wahlerfolg stärkte nicht nur die NPD, sondern auch die übrigen sächsischen Nazistrukturen, die die NPD unterstützten, so z.B. die inzwischen verbotene Neonaziorganisation „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS).

Die Bühne des Landtages bietet der NPD aber auch neue Möglichkeiten zur Selbstdarstellung. Medienwirksam werden einstudierte Theaterstücke aufgeführt, die nur dem Zweck dienen eine Parole in den Medien zu verbreiten und öffentliches Aufsehen zu erregen. So nutzte NPD- Parteivorstand Jürgen Gansel diese Bühne, um im Januar 2005 die Bombardierung Dresdens als „Bombenholocaust“ bezeichnete.15 Kurz darauf, am 21.01.2005, verließ die NPD-Fraktion geschlossen den Plenarsaal, als die Schweigeminute für die Opfer der NS-Herrschaft stattfand. Höhepunkt des Jahres war der Dresdner „Trauermarsch“ der vom NPD-Fraktionsvorsitzenden Holger Apfel und Parteichef Udo Voigt angeführt wurde. Mit der Zahl von 6500 Teilnehmer_innen konnte die NPD nicht nur Stärke demonstrieren, sondern durch den breiten Zuspruch des rechtsextremen Lagers weitere, auch internationale, Verbindungen knüpfen. Dieses Spektrum reicht von Kameradschaften bis hinein ins konservative Lager. Neben Vertriebenenverbänden und rechten Parteien nahmen auch Burschenschaften und Organisationen der Neuen Rechten teil.

Entgegen dem Geschichtsbild der Nazis und der Mythen, die im Lauf der Jahrzehnte entstanden, kam der Luftangriff nicht aus heiterem Himmel. Es gab für diesen Angriff durchaus Gründe. Im Januar 1945 begann, nachdem die Alliierten im Westen den Rhein überschritten und die Rote Armee die Oder erreichte, die entscheidende Phase der Niederschlagung des Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Europa. Hierbei rückte Dresden in der Liste der primären Ziele neben Berlin, Leipzig und Chemnitz ganz nach oben. Lange Zeit war Dresden durch seine geographische Lage außerhalb der Reichweite der alliierten Bomber und hatte somit noch eine weitgehend intakte Infrastruktur. Neben der zumeist auf Rüstung umgestellten Industrie war auch das Schienennetz um Dresden größtenteils unbeschädigt. Deswegen wurde der Schienenverkehr – vor allem Nachschub für die Wehrmacht – vorwiegend über Dresden abgefertigt. Dresden wurde erst am 8. Mai 1945 von der Roten Armee eingenommen; bis dahin galt die Stadt als militärisches Zentrum. Auf der Jalta-Konferenz wurde beschlossen, große Verkehrs- und Produktionszentren für die Ostfront auszuschalten, um so die Rote Armee vor Gegenangriffen zu schützen und die Versorgung der deutschen Linien zu verhindern. Zu diesen Zentren gehörte auch Dresden.16

Die Mythen, die sich um Dresden ranken, haben ihre Ursprünge zum einen direkt in der den Bomben folgende deutsche Propaganda und zum anderen in Werken deutscher Historiker aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten, welche den damaligen Umgang mit der deutschen Geschichte vortrefflich widerspiegeln.

Im Grunde werden die Mythen aus zwei Unwahrheiten konstruiert. Eine davon ist die Zahl der Toten, die sich heute unter Berufung auf verlässliche historische Quellen mit 25.000 beziffern lässt. Nazis sprechen heutzutage noch immer von bis zu 500.000 Toten, aber auch der DDR-Spitzenpolitiker Hans Loch gab 1955 die Zahl der „friedlichen Menschen, Greise, Frauen und Kinder“, die dem Mord durch die Westalliierten zum Opfer fielen, mit 300.000 an. Die Vervielfachung der Toten folgt einem leicht durchschaubaren Muster: Das Ereignis soll dadurch an historischer Relevanz gewinnen und die Rolle der eigenen Opfer gegenüber den eigentlichen Ursachen des Ereignisses hervorheben. Wer die Anzahl von Toten für ein Kriterium von Leid hält, das sich in die Waagschale werfen lässt, kann die „eigenen Opfer“ außerdem besser gegen die Verbrechen des eigenen Kollektivs aufrechnen. Beides gelingt besonders gut im Zusammenspiel mit der zweiten mythenbestimmenden Unwahrheit, nämlich der Darstellung der Angriffe auf Dresden als „alliierter Terror“, reine „Vergeltungsschläge“, „sinnlose Kriegsverbrechen“, nur um Unschuldigen zu schaden. Denn für unschuldig erklärt werden die Deutschen in der eigenen Nachkriegspropaganda ständig.

In der Tat richteten sich die alliierten Luftangriffe auch gegen die Moral der deutschen Zivilbevölkerung. Allerdings nicht aus alliierter Blutrünstigkeit, sondern gerade weil diese Zivilbevölkerung mit ihrer innigen Verbundenheit zur Volksgemeinschaft maßgeblich daran beteiligt war, dass 1945 überhaupt noch Krieg in Europa geführt werden musste. Dieser Krieg wurde von den Deutschen als Vernichtungskrieg in Osteuropa begonnen, ganze Dörfer und Städte wurden ausradiert, Millionen von Menschen ermordet. All das wurde von den Deutschen in ihren großdeutschen Träumereien begeistert mitgetragen. Dass die deutsche Volksgemeinschaft aber so geschlossen hinter Hitler stand, dass nicht einmal die Bombardierung ihrer Städte half, um sie zurück auf den Boden der Realität zu bringen, konnten die Alliierten nicht erahnen. Ihnen aus dem Versuch, den Krieg zu verkürzen Vorwürfe und Anschuldigungen zu konstruieren, ist falsch.

Jeder Tag, an dem Deutschland von Deutschen regiert wurde, bedeutete unsägliche Grausamkeiten für die als nichtdeutsch abgewerteten Menschen in den KZs, Arbeitslagern, Gefängnissen und den zu dieser Zeit durchgeführten Todesmärschen. Eine dieser Menschen war die Holocaust-Überlebende Gerda Weissmann-Klein. Sie schildert in ihrem Buch „Nichts als das nackte Überleben“, wie sie in der Nacht des 13. Februar während der Bombardierung, ohne Angst zu haben „mit einen Gefühl des Triumphs“ auf einer der Elbbrücken in Dresden steht, an beiden Ufern SS-Männer, die darauf hoffen, dass der Todesmarsch getroffen wird. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie und die Restlichen, die es ohne zusammenzubrechen bis nach Dresden geschafft hatten, schon 250 Kilometer Fußweg hinter sich. Sie kamen aus Konzentrationslagern, die aufgrund der näher rückenden alliierten Truppen geräumt wurden. Die KZ-Häftlinge wurden in Viehwaggons oder meist zu Fuß in das Reichsinnere getrieben. Dabei wurden die Todesmärsche von SS-Totenkopfverbänden, Wehrmachtsoldaten, Ortspolizei, Mitgliedern des Volkssturms und der Hitler-Jugend bewacht. Diejenigen, die nicht mehr laufen konnten oder wollten, wurden oft gleich an Ort und Stelle getötet. Dies geschah nicht nur unbeobachtet auf der Landstraße, sondern auch in Dörfern und Städten vor den Augen der ganz gewöhnlichen Deutschen. Alleine durch Dresden liefen mindestens drei solcher Todesmärsche – mit Sicherheit nicht unbemerkt von der angeblich so „unschuldigen“ Dresdner Bevölkerung .17

Auch der Schriftsteller Victor Klemperer überlebte die Bombenangriffe – und wurde durch sie befreit. Am Morgen des 13. Februar sollten die letzten Dresdner Juden und Jüdinnen, er war einer davon, deportiert werden. Klemperer schreibt: „[…] und derselbe Feuersturm riß Jud und Christ in den Tod; wen aber von den 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen“.18 Unter diesen Gesichtspunkten handelt es sich bei der Bombardierung deutscher Städte zwar um ein notwendiges Übel, allerdings um eines zur Niederschlagung des Nationalsozialismus.

Das geläuterte Deutschland

Seit der Jahrtausendwende ist eine zunehmende Distanzierung von offizieller Seite von den Mythen um Dresden zu erkennen. Dies hängt unter anderem mit neu entdeckten historischen Quellen zusammen, ist allerdings nicht auf diese alleine zurückzuführen. Das bürgerliche Gedenken hat sich parallel mit dem generellen öffentlichen Umgang mit Nationalsozialismus und deutscher Vergangenheit verändert. Die Abgrenzung von den Nazis, die auf der gleichen Veranstaltung wenige Jahre zuvor selbst noch Kränze niederlegen durften, und die Betonung der deutschen Schuld kann gar nicht oft genug erfolgen. Es wird darauf geachtet, dass die Bombardierung Dresdens nicht gänzlich aus dem historischen Kontext gerissen wird, sondern doch auf gewisse, oft nicht weiter benannte Ursachen zurückzuführen ist. Eine Vorliebe besteht in Dresden für die gebetsmühlenartig wiedergekäute Leier vom Krieg, der von Deutschland ausging und schließlich dorthin zurückkehrte. Bei seiner Rückkehr forderte dieser Krieg dann unzählige Opfer unter der unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung. Dieser Betrachtungsweise folgend waren diese gar Opfer im doppelten Sinne. Zunächst mussten sie die schrecklichen Jahre der „Naziherrschaft“ ertragen und zu deren Ende auch noch den Preis für die Verbrechen „der Nazis“ bezahlen.

Mit dieser Konstruktion einer unschuldigen deutschen Zivilbevölkerung, die im Gegensatz zu „den Nazis“, ihrer Ideologie und deren Umsetzung gesetzt wird, behält das bürgerliche Gedenken trotz Distanzierung vom „Mythos Dresden“ einen geschichtsrevisionistischen Charakter. Präsentiert wird ein Deutschland in der Tradition der „guten Deutschen“, das 65 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft wiedervereinigt und versöhnt mit dem Rest der Welt die Vergangenheit endlich getrost hinter sich lassen kann. Seine Schuld hat es schließlich anerkannt, aus seinen Fehlern gelernt – gibt es zumindest vor. Die aus der deutschen Schuld gezogenen Konsequenzen reichen allerdings nicht über ein Anerkennen historischer Gegebenheiten hinaus. Die Voraussetzungen, die Shoah und deutschen Vernichtungskrieg erst ermöglichten, waren zu keinem Zeitpunkt Bestandteil einer tief greifenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung und bleiben bis heute ohne Konsequenzen. Und so ist dieses geläuterte Deutschland längst wieder führender Wirtschaftsstandort, weltpolitisch vorne mit dabei und führt seit den 90er Jahren auch wieder Kriege – nach eigener Aussage nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz.

Ein Deutschland, das vorne mitmischen will, möchte natürlich nicht mit den Gründen für die letzte große Niederlage behelligt werden. Die Deutschen müssen der Welt beweisen, dass sie keine Nazis mehr sind und protestieren also umso engagierter gegen die von ihnen „Ewiggestrige“ genannten, die die Weltöffentlichkeit daran erinnern, was in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit noch allgemeiner Konsens war. Allzu deutlich wird gezeigt, dass mensch mit den eigenen „Extremisten“ schon alleine fertig wird und findet dabei zu neuer Gemeinschaft. Von konservativ bis linksradikal sind eigentlich alle gegen Neonazis. Manche Linke bilden sich da selbstgefällig ein, immer mehr Deutsche seien auf ihrer Seite. Vielleicht ist es gerade umgekehrt.

Beim offiziellen Deutschland geht das geläuterte Image aber erst recht mit neuem Selbstbewusstsein einher. Dadurch ließe sich eventuell erklären, warum trotz gefordertem Schlussstrich unter die Geschichte das Gedenken an „deutsche Opfer“ munter weiter betrieben wird. Wer sich geläutert glaubt, meint auch die „Anderen“ anklagen zu dürfen. Deswegen wird das Gedenken an die deutschen Toten, das es bereits seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, trotz neuem Antifaschismus weitergeführt. Aber es scheint fast so, als wäre das Bild vom „neuen Deutschland“, das sich zu seiner Schuld bekennt und durch dieses Bekenntnis die Kraft zum Erlangen neuer weltweiter Bedeutung aufbringen will, in Pforzheim noch nicht ganz angekommen. Es wird keine „Meile der Demokratie“ inszeniert, nicht zur breiten Bürger_innendemo aufgerufen, Politiker_innen äußern auch keine Empörung über die jährliche Nazimahnwache. Ob dieser Sachverhalt nun positiv oder negativ zu bewerten ist, sei erstmal dahingestellt, jedenfalls sticht er im direkten Vergleich zu Dresden deutlich heraus.

Eine mögliche Erklärung für das Wegsehen der Pforzheimer_innen ist im Bild des geläuterten Deutschlands selbst zu suchen. Denn dieses entstand nicht aus einem gesellschaftlichen Reflexionsprozess, also „von unten“, sondern wurde vielmehr „von oben“ vorgezeichnet. Insofern handelt es sich eben auch nicht um eine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern um die vordergründige Anerkennung der deutschen Schuld um endlich den lang ersehnten Schlussstrich ziehen zu können. Aber die Verbrechen des Nationalsozialismus, die mensch Jahrzehnte lang verdrängte, verharmloste oder gar stillschweigend gut hieß, nun öffentlich zu bereuen und zu verurteilen, fällt nicht allen Deutschen gleich leicht. Wenn nun bedacht wird, dass Pforzheim nicht gerade den Nabel der Welt darstellt und die neue deutsche Identität so wie von oben nach unten, erst von der Metropole in die Provinz durchsickern muss, könnte dies die Erklärung für den Umgang mit Nazis in Pforzheim sein. Dessen ungeachtet gibt es ansonsten weitestgehend Übereinstimmungen zwischen Dresden und Pforzheim an ihrem jeweiligen Trauertag.

Denn trotz des Wandels im bürgerlichen Gedenken, wie er zumindest in Dresden stattgefunden hat, herrscht bei den verschiedensten Gedenk--- und Trauerveranstaltungen in einem wesentlichen Punkt Übereinstimmung. Es ist das bombardierte Kollektiv unschuldiger deutscher Opfer, dem an diesem Tag gedacht wird. Aufgrund dieser gemeinsamen Grundlage haben die Städte Pforzheim und Dresden wenig Erfolg, beim Versuch, sich gegen die „Vereinnahmung“ des Gedenkens an die Opfer durch die Neonazis zu wehren. Doch gerade diese selbst ernannte „rechte Volksfront“ ist das, was Dresden von anderen Nazigroßveranstaltungen unterscheidet. Dresden bietet den Nazis eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, die sie z.B. beim Gedenken an Rudolf Hess nicht haben. Zwar wird, zumindest in Dresden, eine Darstellung der Ereignisse, als „Bombenholocaust“ oder „alliierter Terror“ als geschichtsverfälschend erkannt und zurückgewiesen, über die Opferrolle der jeweiligen Bevölkerung herrscht jedoch weitestgehend Konsens.

Der Nationalsozialismus zeichnete sich jedoch gerade nicht durch eine Elite von grausamen Verbrechern aus, die das Volk verleitete und hinter seinem Rücken den nächsten Weltkrieg anzettelte und Millionen Menschen in geheimen Lagern ermordete. Vielmehr sahen die Deutschen, bis auf einzelne Ausnahmen, ihre Interessen von dem ideologischen Programm der Nazis bestens vertreten und beteiligten sich bereitwillig an dessen Umsetzung. Die Vereinigung der Gesellschaft zur Volksgemeinschaft war nicht nur Utopie nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda, sondern wurde mit dem Wahlerfolg der Nazis bittere Realität für alle, die durch den völkischen Nationalismus von dieser ausgeschlossen wurden. In der nationalsozialistischen Ideologie steht das deutsche Volk an erster Stelle. Nach ihm kommt die Familie, die für die Erhaltung des Volkes steht. Der einzelne Mensch zählt als solcher nicht, sondern nur sein Dienst für die Volksgemeinschaft. Die Zugehörigkeit zu dieser wurde durch kulturelle und vor allem rassistische und antisemitische Zuschreibungen definiert. Der kollektive Massenmord wäre ohne die Volksgemeinschaft kaum möglich gewesen.

Auch die Mobilisierung für den Krieg geschah im Namen der Volksgemeinschaft. Und mit der militärischen Niederlage und der Kapitulation Deutschlands, wurde aus der Gemeinschaft der Täter eine Gesellschaft von „unschuldigen Individuen“, die jegliche Schuld an den Verbrechen von sich wiesen. Mensch hatte ja von nichts gewusst.

Mit Deutschland gegen Nazis?

Genauso wie die Nazizeit nicht isoliert vom Rest der Geschichte der Deutschen betrachtet werden kann, können die Bombardements deutscher Städte niemals ohne den Kontext der Volksgemeinschaft gesehen werden. Ihrem Wüten vermochte alleine die militärische Zerschlagung Deutschlands durch die alliierten Streitkräfte Einhalt zu gebieten. Die Volksgemeinschaft war verantwortlich für den geforderten „totalen Krieg“. Ebenso für die Shoah, die in ihrem Charakter als angestrebte restlose Vernichtung aller Juden und Jüdinnen in Europa jede bis zu diesem Zeitpunkt denkbare Kategorie menschenmöglicher Grausamkeit sprengte. Auch die zu Tausenden durch KZs und Zwangsarbeit ermordeten Homosexuellen, Behinderten, Sinti, Roma, Gegner_innen des Nationalsozialismus sowie alle anderen sogenannten „Volksschädlinge“ sind an dieser Stelle nicht zu vergessen.

Das deutsche Kollektiv hat die nationalsozialistische Gesellschaft samt deren Verbrechen maßgeblich getragen. Den Großteil der Deutschen für unschuldig zu erklären, übersieht die Dynamik, die in Deutschland zur Shoah führte. Aber auch für manche linke Gruppierungen, in deren Revolutionstheorien die Massen per se eine antifaschistische oder gar revolutionäre Triebkraft darstellen, ist es unumgänglich, die breite Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Nationalsozialismus auszuklammern. Nur wenn sie eine Führungsclique für Krieg und Shoah verantwortlich machen, können sie darauf hoffen, mit den breiten Massen auch in Deutschland die Revolution zu erkämpfen. Wenn mit breiten Bündnissen gegen Neonazis demonstriert wird, wird auch heute noch oft das Bild vermittelt, die Ansichten der Nazis wären schon immer nur von einer kleinen, extremen Minderheit geteilt worden.

Dieses Bild ist durchaus kompatibel mit dem des reuevollen Volkes, das aus seiner Vergangenheit gelernt hat. Die Deutschen wollen es gleichzeitig nie gewesen sein und doch auch alle vermeintlich überzogenen Forderungen der „Siegermächte“, zynisch „Wiedergutmachung“ genannt, erfüllt haben. Die Parole „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, mit der die Losung der Insassen des Konzentrationslagers Buchenwald oftmals zusammengefasst wird, erfährt im Rahmen an das Gedenken an die deutschen Toten der Bombenangriffe leicht eine drastische Bedeutungsverschiebung. Durch blinden oder vorgeschobenen Pazifismus verwandelt sie sich allzu schnell in „Nie wieder Krieg gegen Faschismus“ – ein falscher Schluss aus Faschismus und Nationalsozialismus. Es ging nicht mehr um die Verhinderung von Krieg und Vernichtung, sondern um deren Beendigung, im schlimmsten Falle eben mit Gewalt.

Antifaschistische Theorie und Praxis muss den Nazis jeden von ihnen eingenommenen Raum streitig machen – nicht nur an nationalen Trauertagen oder an von Nazis bestimmten Terminen. Es sollte jedoch Klarheit darüber bestehen, was es dabei zu gewinnen gibt – und was nicht. Linksradikales Engagement, das sich auf einen platten „Gegen Nazis“-Konsens beschränkt, steht dem um die Jahrtausendwende von höchster Stelle initiierten „Wir sind Deutschland“-Staatsantifaschismus verdächtig nahe. Selbst wenn es gelingen sollte, im breiten Bündnis einen Naziaufmarsch zu verhindern, stellt sich die Frage für wen oder was dies nun einen (Teil-) Erfolg darstellt. Für die Antifa, das Image einer Stadt oder gar das Selbstbild einer Nation? Oder einfach alle zusammen? Den herrschenden Verhältnissen jedenfalls hat dieser Antifaschismus wenig entgegenzusetzen. Hierfür müssten diese einer kritischen Auseinandersetzung unterzogen werden, die aufgrund der Wahrung der Bündnisfähigkeit aber nicht stattfindet.

Gerade an Tagen wie dem 13. Februar in Dresden oder dem 23. Februar in Pforzheim bleibt es für eine radikale Linke, die Ursachen und nicht Symptome bekämpfen will, unerlässlich, Kritik und Protest auch gegen die offiziellen bürgerlichen Gedenken sowie den Kontext in dem sie stattfinden zu richten – dem Standort Deutschland.

– Antifa 3.0 – Januar 2010